Aktuelle Forschung

Current research in English

Geschichte MusiktherapieMusik, Medizin und Psychiatrie in Wien
(ca. 1780 – ca. 1850)

Andrea Korenjak (Projektleiterin)

Österreichische Akademie der Wissenschaften, Institut für kunst- und musikhistorische Forschung, gefördert vom Fonds zur wissenschaftlichen Forschung (FWF) [P 27287-G 21]
Fig.:
Josephinum, Foto:
Andrea Korenjak

“In den Wiener Irrenanstalten … wird jetzt der Versuch gemacht, die Geisteskranken durch Musik und Tanz zu heilen. Nächstens beginnt in der Irrenanstalt eine Reihe von Concerten und die Ärzte versprechen sich viel von der Wirkung der Tonkunst auf die Kranken.”
(Neue Zeitschrift für Musik № 26, 1847, S. 112)

Ansicht von Norden mit Staffage. Nach der Natur gezeichnet und gestochen von Josef und Peter Schaffer.Das Projekt verfolgt das Ziel, einen seit langem ausstehenden kulturhistorischen Beitrag zur Bedeutung der Musik in Medizin und in psychiatrischen Einrichtungen in Wien im ausgehenden 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu leisten. Unter Berücksichtigung internationaler Strömungen (wie den Psychiatriereformen in Frankreich, Deutschland und England) und nationaler Entwicklungen (wie der Einrichtung so genannter „Irren-Anstalten“ im Habsburgerreich/Kaisertum Österreich) wendet sich die Studie im Besonderen jenen psychiatrischen Einrichtungen zu, in denen Musik zur Behandlung eingesetzt wurde – darunter der Wiener k. k. Irren-Anstalt („Narrenturm“) sowie der Privat-Heilanstalt für Gemüthskranke Dr. Goergen. Literarische Primärquellen werden dabei durch Recherchen u.a. im Wiener Stadt- und Landesarchiv und im Archivbestand des Josephinums ergänzt. 

Abb. 1: Allgemeines Krankenhaus und Narrenthurm (1781). Bildnachweis: Österreichische Nationalbibliothek (BDA 1.226 – C)

Goergen, BrunoDas Projekt legt eine Synopsis kultureller, sozialpolitischer, medizin- und psychiatriehistorischer Bedingungen dar, welche Überlegungen zum „therapeutischen“ Einsatz von Musik in Wien maßgeblich beeinflusst haben: Neuhumanistische Ideale, Maximen der Aufklärung, Reformen Josephs II., der Beginn der „modernen“ Psychiatrie, medizinhistorische Theorien zu den so genannten „Geistes-, Gemüths- und Nervenkrankheiten“ sowie Erklärungsmodelle zum Einfluss der Musik auf den Körper sowie auf die „Seele“ und das „Gemüth“ etc. In diesem Zusammenhang werden die Bedeutungsspektren der folgenden Begriffe geistes- und musikgeschichtlich kontextualisiert: „Resonanz“ (als „akustische Resonanz“ und „seelische Bewegung“), „Stimmung“ (als musikalische Stimmung und „Gefühlsstimmung“) sowie „Sympathie“ (als „Resonanz“ und „Mitfühlen“). Auf Grundlage der Historischen Musikwissenschaft werden diese Begriffe auch mit dem ästhetischen Diskurs in Beziehung gesetzt.

Abb. 2: Einer der bedeutendsten Befürworter für den Einsatz von Musik in psychiatrischen Anstalten in Wien war Bruno Goergen (1777–1842). Bildnachweis: Österreichische Nationalbibliothek (PORT_00004311_01)

Musikheilkunde - Musiktherapie - Musiktherapeut - AusbildungskursDas Projekt widmet sich der „Wiener Geschichte der Musiktherapie“ (im weitesten Sinne), die  mit wenigen Ausnahmen sowohl von historischen als auch musiktherapeutischen Disziplinen auffallend vernachlässigt wurde. In diesem Zusammenhang wird eine erste historische Lücke (von ca. 1780–1850) zwischen frühen Überlegungen, Musik konkret bei so genannten „Geistes- und Gemüthskrankheiten“ in Wien zu verwenden, und den Anfängen der modernen „Wiener Musiktherapie“ im Jahr 1958 geschlossen werden. Das Projekt bildet damit auch die Grundlage für weiterführende Forschungen im Bereich der historischen Erschließung „musiktherapeutischer“ Ansätze in Wien und der westlichen Musiktherapie im Allgemeinen. Zudem entfaltet das Projekt auch für die Österreichische Geistes- und Kulturgeschichte an den Schnittflächen von Musik, Medizin und Psychiatrie seine Relevanz. Die Forschungsergebnisse werden in Artikeln zu ausgewählten Themenkomplexen und in Form eines Buches erscheinen. Im transdisziplinären Austausch mit internationalen und nationalen Kooperationspartnern möchte das Projekt einen Dialog zwischen Historischer Musikwissenschaft, Medizin- und Psychiatriegeschichte sowie Musiktherapie anregen, der bislang weitestgehend ausgeblieben ist.

Abb. 3: Werbeplakat (1965). Bildnachweis: Österreichische Nationalbibliothek (PLA16650093)

Neuigkeiten und Veranstaltungen:

  • 10.-12. November 2016: Einladung von und Kooperationstreffen mit Prof. Peregrine Horden am All Souls College, Oxford University
    All Souls College Oxford
  • 19. Oktober 2016: Seminar “Pathological versus Aesthetic Listening: From a Philosophical, Medical and Psychiatric Perspective around 1850”. Queen Mary University of London, Centre for the History of the Emotions
    Abstract
  • Oktober/November 2016: Andrea Korenjak folgt der Einladung von Prof. Thomas Dixon als “Visiting Scholar” an das “Centre for the History of the Emotions”, Queen Mary University of London
  • 30. September 2016: Vortrag “Hanslick’s Music Aesthetic Discourse in the Context of Medicine and Psychiatry around 1850” am Kongress “Hanslick in Context”, Österreichische Gesellschaft für Musik, Wien, organisiert von Dr. Christoph Landerer und Dr. Alexander Wilfing)
    Conference Website
    Abstracts
  • 4. Juni 2016: Vortrag “Musical Humanism in Medical Writings and Psychiatric Practices in 19th Century Vienna” am Kongress “The Musical Humanism of the Renaissance and its Legacy”, Palazzo Pesaro Papafara (Warwick University), Venice (Organisation: Dr. Jacomien Prins)
    Conference Website
    Abstracts
  • Februar 2016: Dr. Jacomien Prins, Warwick University, ist neue FWF-Projekt-Kooperationspartnerin
    Jacomien Prins
      • Februar 2016: “Centre for the History of the Emotions”, Leitung Thomas Dixon, Queen Mary University of London, ist neuer Kooperationspartner im Rahmen des FWF-Projekts
        Centre for the History of the Emotions
  • 28. Jänner 2016: Vorlesung “Einführung in die Psychiatriegeschichte”, Paris-Lodron-Universität Salzburg, 17:00 Uhr, Auditorium Maximum
  • 14. Jänner 2016: Vorlesung “Musiktherapie”, Paris-Lodron-Universität Salzburg, 15:00-16:30 Uhr, HS 424
  • 25.-27. September 2015: Kooperationstreffen mit Peregrine Horden (London/Oxford) in Wien
  • 10. September 2015: Vortrag „,…wie, und warum derley musikalische Vorträge wohlthätig auf die Gemüthskranken wirken’ (Bruno Goergen 1820): Musik und Psychatrie in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts in Wien” am Symposion der „Gesellschaft für Kulturpsychologie” und „Fachgruppe für Geschichte der Psychologie”, Salzburg (organisiert von Prof. Dr. Christian Allesch)
    Website Tagung “Kulturelle Dynamik und Entwicklung der Psychologie”
    Tagungsprogramm
  • 10. September 2015: Kooperationstreffen mit Prof. Dr. Manuela Schwartz (Magdeburg-Stendal) in Salzburg
  • 9. Juli 2015: Vortrag “Music, Health, and Humanities: Origins of Music Therapy in Vienna”, Konferenz der “European Society for the History of the Human Sciences”, Université d’Angers, France
    Conference Program
    Université d’Angers
    • Juni/Juli 2015: Arbeitsgruppe „Musik und Psychiatrie im Biedermeier” mit Prof. Dr. Manuela Schwartz und Prof. Dr. Cheryce von Xylander. Die Ergebnisse werden am Symposion der „Gesellschaft für Kulturpsychologie / Geschichte der Psychologie” (Salzburg, 10.-12. September 2015) präsentiert.
      Abstract Thema Arbeitsgruppe
      • 5. Juni 2015: Vortrag “Music, the Soul, and the Senses as Exemplified by first half 19th Century Viennese Medical Dissertations”, Conference “Hearing the Voice, Hearing the Soul”, University of Warwick
        Conference Program
        Abstracts
  • Juni 2015: Kooperationstreffen mit Peregrine Horden und Penelope Gouk, Warwick University
    • Mai 2015: Projekt ist Teil des “Madness Studies Network”, initiiert von Petteri Pietikäinen
      Madness Studies Network
      • 12. Mai 2015: Vortrag “Musik – Heilung – Religion. Historische Dimensionen der Musiktherapie, dargestellt am biblischen Beispiel von Saul und David” an der Katholischen Akademie Wien, organisiert von Dr. Elisabeth Maier
        Katholische Akademie Wien
        • März 2015: Kooperationstreffen mit Penelope Gouk in Wien
          • Dezember 2014: Verleihung des Kardinal Innitzer-Förderungspreises in der Kategorie Geisteswissenschaften für die Studie “Musik, Heilung und Kultur”
            Kardinal Innitzer Fonds
                    • Oktober 2014: Im Interview (“Ö1-Radiokolleg”) “Tarantella: Ein Volkstanz aus Süditalien. Trance, Therapie und Tradition” mit Anna Masoner
                      Ö1 Radiokolleg Tarantella
  • August 2014: Projektbeginn an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften
  • Juni 2014: Projektbewilligung [P 27287-G21] durch den Fonds zur Wissenschaftlichen Forschung (FWF)
    FWF Project Finder

Projektbezogene Präsentationen und Vorträge:

  • 28. Jänner 2016: Vorlesung “Einführung in die Psychiatriegeschichte”, Paris-Lodron-Universität, 17:00 Uhr, Auditorium Maximum
  • 14. Jänner 2016: Vorlesung “Musiktherapie”, Paris-Lodron-Universität Salzburg, 15:00-16:30 Uhr, HS 424
  • 10. September 2015: Vortrag „,…wie, und warum derley musikalische Vorträge wohlthätig auf die Gemüthskranken wirken’ (Bruno Goergen 1820): Musik und Psychatrie in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts in Wien” am Symposion der „Gesellschaft für Kulturpsychologie” und „Fachgruppe für Geschichte der Psychologie”, Salzburg (organisiert von Prof. Dr. Christian Allesch)
    Website Tagung “Kulturelle Dynamik und Entwicklung der Psychologie”
    Tagungsprogramm
  • 9. Juli 2015: Vortrag “Music, Health, and Humanities: Origins of Music Therapy in Vienna”, am Symposion der “European Society for the History of the Human Sciences”, Université d’Angers, Frankreich
    Conference Program
      • 5. Juni 2015: Vortrag “Music, the Soul, and the Senses as Exemplified by first half 19th Century Viennese Medical Dissertations”, Konferenz “Hearing the Voice, Hearing the Soul”, University of Warwick
        Conference Program
        Abstracts
      • 12. Mai 2015: Vortrag “Musik – Heilung – Religion. Historische Dimensionen der Musiktherapie, dargestellt am biblischen Beispiel von Saul und David” an der Katholischen Akademie Wien, organisiert von Dr. Elisabeth Maier
        Katholische Akademie Wien
  • Juni 2014: Paper “Music as Treatment for the ‘Illness of the Gemüth’ in Viennese 19th Century Mental Institutions”, Queen Mary University London, International Conference “Music, Emotions, and Well-Being: Historical and Scientific Perspectives” (organized by Penelope Gouk, Wiebke Thormählen, Jacomien Prins, and James Kennaway)
    Music, Emotions, and Well-Being by Penelope Gouk
  • Juli 2014: “Art as Therapy: Historical and Contemporary Concepts” (in Kooperation mit Christian Allesch), University of Oulu, Konferenz der “European Society for the History of Human Sciences” (organized by Petteri Pietikäinen)

Projektbezogene Publikationen:

      • Korenjak, Andrea [submitted]: “Music as Treatment of the ‘Illness of the Gemüth‘ in Viennese 19th Century Mental Institutions”. In: James Kennaway et al. (ed.): Music, Mind, and Emotion: Historical and Scientific Perspectives. Chicago: Chicago University Press
  • Korenjak, Andrea [in press]: “Music, Medicine, and Psychiatry in Late 18th and First Half 19th Century Vienna”. In: Klempe, Hroar (ed.): Cultural Psychology of Musical Experiences. (Series Advances in Cultural Psychology.) Charlotte, NC: Information Age Publishing [2016].
  • Korenjak, Andrea [forthcoming]: “Historical Preconditions and Precursors of the modern Viennese School of Music Therapy” [working title]. In: Marks, Sarah (Ed.): Perspectives of the History of Psychotherapy. London: Pickering and Chatto [2016/17].
  • Korenjak, Andrea; Allesch, Christian: „Kunst als Therapie. Über die Schwierigkeiten, die Ursachen heilender Wirkungen ästhetischer Erfahrungen einzugrenzen.“ In: Person. Internationale Zeitschrift für Personenzentrierte und Experienzielle Psychotherapie und Beratung 18 (2014) 1, S. 44–53.

Projektmitarbeit:

      • Prof. Hubert Reitterer

KooperationspartnerInnen:

      • Prof. Penelope Gouk, PhD (University of Manchester), Prof. Peregrine Horden, PhD (Oxford University, Royal Holloway University of London), Centre for the History of the Emotions (Leitung: Prof. Dr. Thomas Dixon, Queen Mary University of London), Dr. Jacomien Prins, Prof. Manuela Schwartz, PhD (Hochschule Magdeburg-Stendal), Prof. Christian Allesch, PhD (Paris-Lodron-Universität Salzburg), Arbeitsgruppe Geschichte der Medizin (Kommission für Geschichte und Philosophie der Wissenschaften an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften), Prof. Thomas Stegemann, PhD (Universität für Musik und Darstellende Kunst Wien)

Contact:


                                                                            logo_fwf_170x130oeaw_logo_weiss_d[1]

Photograph taken by Andrea Korenjak

Photograph by Andrea Korenjak

Österreichische Akademie der Wissenschaften, Institut für kunst- und musikhistorische Forschungen

Fonds zur Wissenschaftlichen Forschung (FWF)


Keywords: music history – medicine – psychiatry – Vienna – music aesthetics – history of music therapy


ad Fig. 1: 
Picture text, recto: “View of the Fool’s Tower and back of the General- and Military-Hospital” 
Picture text, verso: “North view with staffage. Drawn and engraved from nature by Josef and Peter Schaffer”